Gerade bei Investitionen in Schwellenländer geben ESG-Kriterien, also Informationen zu Umwelt, Gesellschaft und Governance, wertvolle zusätzliche Informationen. Damit lassen sich Risiken vermeiden und höhere Renditen erzielen. Zugleich bieten ESG-Anlagen Schwellenländern Anreize für eine nachhaltigere Entwicklung und tragen so langfristig zu mehr Wohlstand bei.
Wer mit nachhaltigem und langfristigem Anlageerfolg in Schwellenländer investieren möchte, sollte neben den traditionellen Analysen auch einen genauen Blick auf ESG-Kriterien werfen.
Die wirtschaftlichen Folgen der COVID-19-Pandemie treffen viele Schwellenländer gleich aus mehreren Richtungen:
- Wichtige Einkommensquellen wie Tourismus und Export sind geschwächt
- Verschuldeten Regierungen fehlen die Mittel für Konjunkturprogramme
Daraus ergibt sich ein scharfer wirtschaftlicher Abschwung, in dem Investoren besonders selektiv vorgehen müssen. Auch für Schwellenländer typische wirtschaftliche Schwachstellen sollten besonders genau geprüft werden. Dabei kann die Betrachtung von ESG-Faktoren, also Aspekten mit Bezug auf Umwelt, Gesellschaft und Governance, eine sinnvolle Ergänzung zur traditionellen makroökonomischen Analyse sein. Eine solche Betrachtung bietet Investoren zusätzlich zu den wirtschaftlichen Variablen und den politischen Risiken weitere wichtige Anhaltspunkte in Bezug auf die längerfristige Stabilität eines Landes.
Langfristigkeit nur mit Nachhaltigkeit
Die ESG-Faktoren gliedern sich in drei Bereiche:
- Sozialer Bereich: Hier spielen zum Beispiel die Bildungsstandards, die Qualität des Gesundheitssystems und die Einkommensungleichheit eine Rolle. Verbesserungen in diesen Bereichen führen oft zu besseren Lebensbedingungen und kurbeln somit langfristig das Wachstum an.
- Governance-Bereich: Wenn eine Regierung vertrauenswürdig und stabil ist, über die nötigen Institutionen verfügt und ein solides, gut kontrolliertes Finanzsystem besitzt, ist sie oft besonders unternehmerfreundlich. Denn dann sind Willkür und staatliche Zahlungsausfälle eher unwahrscheinlich.
- Umweltbereich: Auch hier verbergen sich potenzielle Risiken in Schwellenländern. Die Ausbeutung von Ressourcen stärkt zwar kurzfristig die Wirtschaft, langfristig überwiegen aber die Schäden.
Wenn solche Faktoren mit in die Beurteilung von Risiken einbezogen werden, liefern sie wichtige ergänzende Informationen. Zugleich eignen sie sich auch als Grundlagen für einen langfristig orientierten, finanziell nachhaltigen Ansatz für Investitionen.
Die Bedeutung von ESG-Faktoren in Schwellenländern
Gerade bei Schwellenländern liegen im ESG-Bereich die grössten Risiken, aber auch die grössten Chancen. Investoren können zum Beispiel die Verschuldungsfähigkeit eines Landes sowie die Kosten dafür von ESG-Ratings abhängig machen. So motivieren sie Schwellenländer dazu, nachhaltiger zu handeln. Tatsächlich ist es seit der letzten Finanzkrise zu einem Trend geworden, ESG-Faktoren bei Investitionen in solchen Ländern zu berücksichtigen. In den vergangenen Jahren kann man sogar von einem Boom sprechen: In der Asien-Pazifik-Region steigen die ESG-Vermögen voraussichtlich von USD 2,9 Billionen im Jahr 2018 auf USD 11,1 Billionen im Jahr 2020.*
Besonders vielversprechend erscheinen dabei solche ESG-Modelle, die nicht nur einen Vergleich zwischen Ländern erlauben, sondern auch die Entwicklung eines Landes berücksichtigen. Denn auch darin verbergen
sich wichtige Informationen: In der Türkei haben sich etwa die Governance-Ratings in den letzten sechs Jahren negativ entwickelt. In Sri Lanka hat sich der ESG-Wert wiederum zuletzt positiv entwickelt, womit das Land interessanter für Investitionen wird.
Wie ESG-Kriterien zu höheren Renditen führen
Es macht nicht nur aus der Nachhaltigkeitsperspektive Sinn, Investitionen nach ESG-Kriterien zu betrachten. Die Vergangenheit zeigt, dass aufstrebende Länder mit positiven ESG-Entwicklungen insgesamt und risikobereinigt bessere Renditen bieten. Wenn Länder wiederum schlechte ESG-Bewertungen aufweisen, sind üblicherweise auch die Kreditrisiken höher. Dazu zählen sowohl politische und soziale Unruhen als auch Umweltkatastrophen. Wenn Anleger also Investitionen in Staaten mit schlechten ESG-Werten meiden, umgehen sie damit auch solche Risiken, die traditionelle Analysemodelle eventuell nicht vorhersagen können.
Auch in der aktuellen COVID-19-Pandemie gibt es Hinweise darauf, dass ESG-Anlagen in Krisenzeiten höhere Erträge bieten als andere Anlagen: ESG-Investitionen in Staatsanleihen aus Schwellenländern übertrafen den Gesamtmarkt im ersten Quartal 2020 um mehr als 1,7%. Anders gesagt: Von langfristigen, nachhaltigen Anlagen in Schwellenländern profitiert am Ende jeder.
* Quelle: J.P. Morgan, EM as an Asset Class in the Post-pandemic World, 11.9.2020
Erstmals erschienen in Investrends.ch
Autoren: Rishabh Tiwari, Portfolio Manager Fixed Income Emerging Markets
& Josipa Markovic, Economist Emerging Markets, Swiss Life Asset Managers