Die derzeitige Immobilienkrise in China weckt Erinnerungen an Japan in den Achzigerjahren, wo eine solche Situation zu einem für Jahrzehnte gebremsten Wirtschaftswachstum führte. Sind diese Ängste berechtigt?

In vielerlei Hinsicht erinnert die aktuelle Situation in China an diejenige Japans in den späten 1980er Jahren, als die Immobilienblase platzte und die Wirtschaft daraufhin über dreissig Jahre nur schleppend wuchs. Insbesondere zwei auffällige Ähnlichkeiten zwischen den beiden Volkswirtschaften werfen die Frage auf, ob China eine ebenso schwache wirtschaftliche Entwicklung erwartet. Erstens hat China, ähnlich wie damals Japan, eine enorme Hauspreisinflation erlebt und ist nun mit dem Risiko einer erheblichen Immobilienblase konfrontiert, die sich allmählich entlädt. Zweitens steigt in beiden Ländern der Anteil der älteren Menschen. Solche rasch alternden Gesellschaften mit schrumpfender Erwerbsbevölkerung sind eine grosse Belastung für das wirtschaftliche Wachstumspotenzial.

Trotz dieser Ähnlichkeiten gibt es zwischen den beiden Ländern auch bedeutende Unterschiede. Drei davon sind besonders hervorzuheben:

  • Erstens unterscheiden sich die Länder in ihren politischen Systemen. In China spielt der Staat in der wirtschaftlichen Agenda eine beherrschende Rolle. Er übt auch eine starke Kontrolle über Erwerb, Verkauf und Preisbildung auf dem Immobilienmarkt aus. Während in Japan das Wachstum der Immobilienpreise in den 90er Jahren deutlich in den negativen Bereich fiel und lange dort verharrte, blieben die Immobilienpreise in China selbst in Zeiten rückläufiger Wohnungsbauaktivitäten relativ stabil – auch wenn sie durch den derzeitigen Abschwung unter Druck stehen. Relativ stabile Immobilienpreise sind von entscheidender Bedeutung, da mehr als die Hälfte des Vermögens der chinesischen Bevölkerung an Immobilien gebunden ist.
  • Zweitens schränken in China strenge Kapitalverkehrskontrollen die Investitionsmöglichkeiten im Ausland ein. Während die Japaner sich von schwächelnden inländischen Vermögenswerten trennen konnten und so den Abwärtsdruck der entsprechenden Vermögenspreise beschleunigten, ist dieser Spielraum für die Chinesen sehr viel geringer.
  • Drittens befindet sich China in einem anderen Entwicklungsstadium als Japan in den 80er Jahren. So liegt der Urbanisierungsgrad in China bei etwa 60%, während er in Japan schon in den 80er Jahren bei 80% lag und seitdem auf diesem Niveau verharrte. Ein sich anbahnender Zuzug in die Städte dürfte die Nachfrage nach städtischem Wohnraum, etwa nach Mietwohnungen, die häufig vom öffentlichen Sektor bereitgestellt werden, entsprechend steigern. Eine zunehmende Wohnungsbautätigkeit des öffentlichen Sektors könnte also die rückläufige Nachfrage nach privatem Wohnraum zumindest teilweise ausgleichen. Zudem war Japan bereits in den 80er Jahren eine sehr fortschrittliche Volkswirtschaft mit relativ geringen Einkommensunterschieden zwischen den Regionen, einer durchgehend hochentwickelten Infrastruktur, soliden Institutionen und einem hohen Anteil an Privatunternehmen. In China hingegen bestehen enorme Ungleichheiten zwischen den florierenden Metropolen, wie Shanghai, Peking oder Shenzhen, und dem grossen übrigen Teil des Landes. Zudem wird ein grosser Teil von Arbeit und Kapital nach wie vor nicht effizient eingesetzt. Werden diese Wirtschaftsfaktoren stattdessen ertragreichen Unternehmen zugewiesen, kann dies schnell zu Steigerungen der Produktivität führen – sogar ohne grosse Innovationsfortschritte. Solche positiven Aussichten auf ein anhaltend hohes Produktivitätswachstum können schliesslich die negativen Auswirkungen einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung bis zu einem gewissen Grad ausgleichen.

Aufgrund dieser Unterschiede ist es trotz vieler Ähnlichkeiten unwahrscheinlich, dass das heutige China in seinem Wachstum einen vergleichbaren Dämpfer erleben wird wie Japan in den späten 80er Jahren. Vielmehr hat China eigene Herausforderungen zu bewältigen, die sein künftiges Wachstumspotenzial infrage stellen. Zum einen könnten die Zentralisierung von Xi Jinpings Machtposition und die zunehmende Staatsintervention in die Privatwirtschaft Innovationsprozesse abbremsen. Zum anderen ist es möglich, dass die wachsende Kluft zwischen China und dem Westen sowie die andauernde Abkopplung von den USA weitreichende Auswirkungen auf die langfristigen Wachstumsaussichten haben. Denn China ist nach wie vor stark von ausländischer Technologie und dem Handel mit der Welt abhängig.

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