Nachhaltigkeit ist ein integraler Bestandteil von Swiss Life Asset Managers. Dekarbonisierung spielt dabei eine zentrale Rolle. Doch der Blick muss über die betrieblichen Emissionen hinausgehen. Bei der Kreislaufwirtschaft zählen auch die grauen Emissionen, die während des gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes entstehen.
Für den Bau, Betrieb und Abriss von Gebäuden werden enorme Mengen natürlicher und endlicher Mittel eingesetzt. Etwa ein Drittel der globalen Ressourcen verbraucht die gebaute Umwelt.1 In Deutschland machen Baumaterialien die Hälfte aller entnommenen Rohstoffe aus.2 Das entspricht einem jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von 187 Tonnen.3 Hinzu kommen die grossen Mengen an Abfall, die Gebäude im Lauf ihres Lebenszyklus produzieren. Zwischen 2015 und 2019 stiegen die Bau- und Abbruchabfälle um 10% auf über 230 Mio. Tonnen – Tendenz weiter steigend.4
Kreislaufwirtschaft als Antwort auf globale Herausforderungen
In einer Welt, die zunehmend mit Ressourcenknappheit, Umweltverschmutzung und den Folgen des Klimawandels konfrontiert ist, gewinnt das Konzept der Kreislaufwirtschaft immer mehr an Bedeutung. Im Gegensatz zum traditionellen, linearen Wirtschaftsmodell, das auf dem Prinzip «nehmen – herstellen – entsorgen» basiert, verfolgt die Kreislaufwirtschaft einen ganzheitlichen Ansatz: Ziel ist es, den Lebenszyklus von Produkten zu verlängern, Materialien im Kreislauf zu halten und Abfälle weitgehend zu vermeiden. Somit ist Kreislaufwirtschaft nicht nur eine Antwort auf ökologische Herausforderungen, sondern eröffnet auch neue wirtschaftliche Möglichkeiten für innovative Geschäftsmodelle, Ressourceneffizienz und nachhaltiges Design.
Ganzheitliche Bilanzierung als Schlüssel zur Emissionsreduktion
Es lässt sich feststellen, dass bei Gebäuden die betrieblichen Emissionen über die Jahre kontinuierlich ansteigen. Bislang zählt die Nutzung von «grünem Strom» aus erneuerbaren Energiequellen zu den wirksamsten Mitteln zur Reduktion dieser Emissionen. Um jedoch einen entscheidenden Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft zu machen, braucht es einen ganzheitlicheren Ansatz: Bei der Bewertung sollten nicht nur die betrieblichen Treibhausgase einberechnet werden, sondern berücksichtigt werden muss der gesamte Lebenszyklus eines Gebäudes – von der Herstellung, Errichtung, Nutzung bis zur Entsorgung. Die Lebenszyklusanalyse (Life-Cycle Assessment, LCA) untersucht sämtliche CO₂-Emissionen, die in den unterschiedlichen Phasen entstehen. Die EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) 2024 stellt Anforderungen an die Gesamteffizienz von Gebäuden und schreibt die Berücksichtigung des Treibhauspotenzials über den gesamten Lebenszyklus verbindlich vor: Ab 2028 müssen Neubauten mit mehr als 1000 m² Nutzfläche dieses Potenzial im Energieausweis dokumentieren, ab 2030 gilt die Vorschrift für alle Neubauten. Damit wird die ganzheitliche Ökobilanzierung zum Standard und ein zentraler Bestandteil nachhaltiger Gebäudeplanung.
Materialkataster und digitale Planung als Grundlage für nachhaltiges Bauen
Bei der Betrachtung der materialbezogenen und betrieblichen Treibhausgasemissionen über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes – typischerweise über einen Zeitraum von fünfzig Jahren – zeigt sich, dass insbesondere in der ersten Phase, d.h. während der Herstellung und Errichtung, ein erheblicher Anteil der Gesamtemissionen anfällt. Das bedeutet, dass bereits beim Bau die zentrale Frage in den Fokus gerückt werden muss: Welche Materialien werden überhaupt verbaut? Zur detaillierten Erfassung aller benötigten Materialen und Baustoffe in einem Gebäude wird die Verwendung digitaler Materialkataster immer wichtiger, da sie nicht nur eine hohe Transparenz bezüglich der eingesetzten Ressourcen ermöglicht, sondern auch die digitale Planung des Bauprozesses erleichtert, inklusive Berechnung der zu erwartenden grauen Emissionen. Bereits in der Planungsphase sollten auf Basis dieser Daten die eingesetzten Materialien so ausgewählt werden, dass später ein sortenreiner Rückbau und eine Wiederverwendung der Baustoffe möglich sind.
Materialpässe als Basis für Transparenz und Wiederverwendung
Nach der Planungsphase wird ein Materialpass erstellt – ein digitales Instrument, das die in einem Gebäude verbauten Materialien und Produkte systematisch erfasst und dokumentiert. Der Materialpass fungiert als digitales Abbild der baulichen Substanz und ermöglicht es, das Energiedesign zu bestimmen, die Gleichgewichtspunkte festzulegen und den Lebenszyklus von Materialien zu verfolgen. So wird die Wiederverwendung von Ressourcen gefördert und Abfall reduziert. Dadurch lassen sich Klimabilanz und Wirtschaftlichkeit verbessern, und Gebäude können von Anfang an als Rohstoffbank angelegt werden.
Materialpässe und Materialkataster spielen zudem eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie (EPBD), die bis 2050 einen vollständig emissionsfreien Gebäudebestand anstrebt. Dank dieser digitalen Instrumente wird nachvollziehbar, welche Baustoffe in einem Gebäude verwendet wurden. Diese Transparenz schafft die Grundlage für eine umfassende Bewertung der Gebäudeenergieeffizienz und fördert eine ressourcenschonende, zirkuläre Bauweise. Dies ist auch deshalb wichtig, weil davon ausgegangen werden kann, dass Investoren und Finanzinstitute in Zukunft verstärkt darauf achten dürften, welche Materialien in den Gebäuden verbaut wurden.
Wirtschaftlicher Mehrwert als Wirkung zirkulären Bauens
Die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen bietet erhebliches wirtschaftliches Potenzial. Sie ermöglicht nicht nur die Wiederverwendung von Materialien und die Reduktion von Ressourcenverbrauch, sondern trägt auch zur Verringerung der CO₂-Abgaben, zur Minimierung von Abwertungsrisiken und zur besseren Ausschöpfung verfügbarer Fördermittel bei. Zudem steigert sie die Attraktivität von Immobilien hinsichtlich Vermietbarkeit und Finanzierung.
Materialpässe leisten dabei einen wichtigen Beitrag, indem sie als digitale Dokumentation Transparenz über die verbauten Materialien schaffen und gegenüber Investoren und Finanzinstituten als Nachweis für die Dekarbonisierung des Gebäudebestands dienen. Darüber hinaus helfen sie, transitorische Risiken im Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft frühzeitig zu erkennen und zu reduzieren.
1 Global Alliance for Buildings and Construction, 2019: Global Status Report for Buildings and Construction
2 Statistisches Bundesamt (Details), 2017: Umweltnutzung und Wirtschaft. Tabellen zu den umweltökonomischen Gesamtrechnungen. Teil 4. Daten für das Jahr 2015
3 Wuppertal Institut, 2017. Klimaforum Bau, 2021
4 Statistisches Bundesamt (Details). Abfallbilanz 2019 und 2015