Im vergangenen Jahr wirkten sich vor allem steigende Energiekosten auf die Wirtschaft aus. Die grössten Turbulenzen scheinen nun überstanden, und das neue Jahr lässt auf ruhigeres Fahrwasser hoffen.

Zeitenwende und Inflation: Diese beiden Begriffe prägten das Wirtschaftsjahr 2022. Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 begann ein Anstieg der geopolitischen Unsicherheiten, wie es ihn letztmals in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gegeben hatte. Aufgrund der bedrohten Energieversorgung in Europa stiegen die Energiepreise stark an. Dies beschleunigte den Anstieg der Inflationsraten. Bis zum Ende des Jahres kletterte die Teuerungsrate in mehreren Ländern Europas auf zweistellige Prozentwerte. Als Folge davon führte der Ukraine-Krieg auch zu einer Zeitenwende in der Geldpolitik. Keiner der Zinserhöhungszyklen der jüngeren Vergangenheit vollzog sich so rasch wie die Normalisierung der Geldpolitik im zu Ende gegangenen Jahr.

Diese Zeitenwende zog eine Zinswende nach sich. Höhere Finanzierungskosten sowie zum Jahreswechsel gestiegene Energiekosten lassen für 2023 eine Rezession wahrscheinlich werden. Trotz dieser eingetrübten Aussichten dürften Investierende in drei Punkten erhöhte Planungssicherheit erwarten.

Erhöhte Planungssicherheit

  • Erstens scheint die Energieversorgung Europas für diesen Winter bei normalen Temperaturen gesichert. Die Erdgasspeicher waren Anfang Dezember gefüllt, und die Produktion der französischen Kernkraftwerke wurde zuletzt deutlich hochgefahren. Neue Lieferverträge mit Förderländern von Flüssiggas werden abgeschlossen, und europaweit sind 16 neue Terminals zur Entgegennahme von Flüssiggas im Bau oder in Planung. Dennoch können die russischen Gaslieferungen wohl nicht vollständig ersetzt werden. Dauerhafte Einsparungen und ein langfristiger Ersatz durch erneuerbare Energiequellen bleiben also notwendig. In Europa sind weiterhin hohe Energiepreise und die Auslagerung der Herstellung von besonders energieintensiven Gütern zu erwarten.
  • Zweitens lässt auch der weitere Verlauf der Inflation erwarten, dass Planungssicherheit zurückkehrt. In den USA hat sie ihren Höhepunkt bereits überschritten. Dort sank die Inflationsrate seit dem Höchststand von 9,1% im Juni wieder unter 8%. 2023 fliessen in den ersten Monaten die höheren Strompreise in die Berechnung der Teuerung auf Verbraucherstufe ein. Anschliessend werden sich die Inflationsraten auch in der Eurozone und in der Schweiz über die kommenden Quartale allmählich wieder normalisieren.
  • Drittens dürfe damit im ersten Halbjahr 2023 auch für Unternehmen und private Hauseigentümerinnen wieder mehr Planungssicherheit in Bezug auf Geldpolitik und Finanzierungskosten zurückkehren. Wir gehen davon aus, dass die führenden Notenbanken im ersten Quartal 2023 weitere Zinserhöhungen vornehmen werden. In der Schweiz ist damit zu rechnen, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihren Leitzins bis März 2023 auf 1,5% anheben wird. Mit der für die kommende Monate zu erwartenden Rezession wird der Zinserhöhungszyklus allerdings im ersten Halbjahr 2023 abgeschlossen sein.

Leitzinsen dürften in den USA sinken

In den USA ist absehbar, dass die Leitzinsen in der zweiten Jahreshälfte 2023 erstmals wieder gesenkt werden. Damit kommt auch bei den Obligationenrenditen mit langen Laufzeiten die Zinswende zu ihrem Abschluss. Für langfristige Investitionen kehrt also Planungssicherheit bezüglich der Finanzierungskosten zurück.

Die grosse Frage jedoch, ob und wie der Krieg in der Ukraine 2023 zu Ende geht, lässt sich nicht beantworten. Immerhin wird es 2023 für Anlegende besser abzuschätzen sein, wie weit die Pandemie und der Krieg tatsächlich den langjährigen Trend zu immer tieferen Zinsen umgekehrt haben.

In Zeiten erhöhter geopolitischer Verunsicherung ist die Rückkehr einer gewissen Planbarkeit im kommenden Jahr 2023 alleweil begrüssenswert.

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